Sie kostet ein kleines Vermögen. Verschafft ihrem stolzen Besitzer Zugang zu VIP-Lounges, Nobel-Restaurants, ausverkauften Konzerten und sichert ihn auf allen Reisen weltweit ab. Sagt American Express. Doch ist die Platin-Karte wirklich ihr Geld wert?

Jetzt trommeln sie wieder: „Für außergewöhnliche Momente gibt es eine außergewöhnliche Karte“ – die „American Express Platinum“. Ohne Aufnahmegebühr (sonst 300 Euro), dafür aber mit Startguthaben (100 Euro) für läppische 600 Euro im Jahr. Und das alles für „weltweite Vorteile“, einen „persönlichen Platinum Service“ und „umfangreichen Versicherungsschutz für Sie und Ihre Familie“.

Das klingt nach viel. Ist es aber nicht. Auch wenn American Express protzt: „Ihre Platinum Card lässt Sie immer wieder aufs Neue das Besondere erleben.“ Aber was ist dieses „Besondere“? Etwa das „besondere“ Gefühl, wenn – die Amex Service-Hotline mal wieder nicht reagiert – die Auslandskrankenversicherung nicht zahlt – oder Bargeld im Ausland unverschämt teuer wird?

Aber der Reihe nach. Auf sage-und-schreibe 64 Seiten listet American Express alle nur erdenklichen Vorzüge der Wunderkarte auf. Versteckt aber die größten Mängel im Kleinstgedruckten. Lauter dicke Patzer, die definitiv nicht zu einer angeblichen Platin-Karte passen.

Platin-Patzer 1: Bargeld am Automaten

Wer mit seiner Wunderkarte Geld ziehen will, zahlt krasse vier Prozent des Betrages als Gebühr an Amex (Mindestgebühr 5 Euro). Bei standesgemäßen 1.000 Euro kassiert American Express also schon mal 40 Euro.

Egal ob es die eigene Bank oder eine fremde ist. Es kommt noch besser: Im Ausland (außerhalb der Eurozone) schlagen die Platin-Wucherer weitere zwei Prozent drauf.

„Abhebegebühr“ und „Fremdwährungsgebühr“ summieren sich somit auf sechs Prozent: Das sind 60 Euro, wenn man 1000 Euro seines eigenen Geldes abhebt.

Selbstverständlich streicht Amex die zwei Prozent „Fremdwährungsgebühr“ auch bei jedem bargeldlosen Einsatz der Karte ein (als „Entgelt für Umrechnung von Fremdwährungen“).

Platin-Patzer 2: Die Krankenversicherung für Reisen im Ausland

Der „umfangreiche Versicherungsschutz für Sie und Ihre Familie“ gilt immerhin für private Auslandsreisen bis 120 Tage. Das war´s aber auch schon an guten Nachrichten. Denn der von American Express beauftragte Krankenversicherer „Inter Partner Assistance“ (IPA) bezahlt im Krankheitsfall keine 100 Prozent.

Sondern lässt den Platin-Kunden auf zehn Prozent seines Schadens sitzen („mindestens 100 Euro, höchstens 500 Euro“). Zum Vergleich: Seriöse private Auslandsreise-Krankenversicherungen erstatten alles und kosten im Schnitt nur 20 Euro pro Jahr.

Mindestens ebenso ärgerlich sind die vielen wachsweichen Formulierungen im Versicherungs-Kleingedruckten: IPA übernimmt nur „notwendige Kosten“ in einem „angemessen ausgerüsteten Krankenhaus“ und selbst das nur „falls erforderlich“.

Man muss kein Jurist sein, um zu ahnen, dass der stolze Besitzer einer „außergewöhnlichen Kreditkarte“ mit dieser Versicherung um jeden Euro feilschen muss.

Denn: „Alle Kosten müssen im Voraus vom Assistance Erbringer genehmigt werden“ und „Kosten, die nicht vom leitenden Arzt des Versicherers genehmigt wurden“ werden nicht erstattet. Gleiches gilt für Kosten, bei denen sich der Amex-Kunde „geweigert hat, dem Rat des leitenden Arztes des Versicherers zu folgen“.

Platin-Patzer 3: Die Reiserücktritt-Versicherung

Um es kurz zu machen:

Es gelten ähnlich üble Konditionen wie beim Auslandskranken-Schutz. Doch die zehnprozentige Selbstbeteiligung liegt hier sogar zwischen 100 und 600 Euro. Also bei 600 Euro für eine abgesagte 6000-Euro-Reise.

Auch hier bietet der freie Markt wirklich günstige und kundenfreundliche Angebote – statt der kläglichen Versicherungsleistungen einer mega-teuren Kreditkarte.

Platin-Patzer 4: Die Mietwagen-Versicherung im Ausland

Die Versicherung steht zwar immerhin für Vollkasko-Schäden bis 75.000 Euro ein. Verlangt aber erneut einen Selbstbehalt (200 Euro). Clever ist, wer lieber einen günstigen eigenen Vollkasko-Schutz ohne Selbstbeteiligung bucht.

Platin-Patzer 5: Fehlender Verbraucherschutz

Die größte Unverschämtheit kommt zum Schluss. Für die von American Express beauftragte Versicherung „Inter Partner Assistance“ (IPA) gilt nicht das deutsche Verbraucherrecht. Sondern irisches Recht.

Wer sich also mit IPA streitet – was angesichts der dürftigen Leistungen und schwammigen Formulierungen mehr als wahrscheinlich ist –, der darf sich nicht an den deutschen Versicherungsombudsmann wenden.

Das ist von Amex ziemlich feige: Denn der deutsche Schlichter kann alle Streitfälle bis 5.000 Euro allein und endgültig entscheiden – die Versicherung ist daran gebunden. Aber genau das will American Express offensichtlich vermeiden.

Platin-Service? Blech-Leistung!

Kein Wunde, dass sich auf Kundenportalen wie „Trustpilot“ die große Mehrheit der User extrem negativ über American Express äußert: 60 Prozent der 406 Bewerter geben dem Unternehmen die schlechteste Gesamtnote „ungenügend“.

Viele kritisieren sogar ausdrücklich die „American Express Platinum Kreditkarte“. Unter anderem wegen „Abbuchungen trotz gesperrter Karte“, wegen eines „nicht existenten Kundenservices“, des „jämmerlichen Versendens von Textbausteinen“ und natürlich wegen des Klassikers, dass „American Express weltweit immer noch nicht so akzeptiert wird wie Visa oder Mastercard“.

Fazit 1:

American Express holt sich die meisten der ohnehin recht schwachbrüstigen Leistungen von den Platin-Kunden zurück – durch eine happige Jahresgebühr (600 Euro), heftige Gebühren beim Bargeldabheben, hohe Selbstbehalte beim Versicherungsschutz oder gar durch die verweigerte Erstattung von Krankheits-Kosten.

Fazit 2:

Wer also statt seines Sportwagenschlüssels lieber eine Platin-Kreditkarte auf den Restauranttisch legen möchte oder wer in einer von 700 Airport-VIP-Lounges heimlich über seine hohen Bargeldbeschaffungskosten weinen möchte – für den mag die American Express Platinum Karte das richtige sein.

Er darf nur nicht daran denken, dass er nahezu all diese Vergünstigungen auch schon mit einer Amex Gold-Karte bekommen würde (für 144 statt 600 Euro pro Jahr).

Doch wie schreibt American Express so schön: „Für außergewöhnliche Momente gibt es eine außergewöhnliche Karte.“ Stimmt. So außergewöhnlich, dass man sie nun wirklich nicht braucht.